Die Stimme der Russin in der U8 zwei Sitze weiter wiegt mich ein, beruhigt mich.
Gerade noch stand ich am Bahnsteig Boddinstrasse, halb zwölf nachts, auf dem Weg nach Hause. Kurz bevor die U Bahn kommt, visualisiere ich.
Der silberne Ring am Finger mit der Perle, den ich anhabe, um nicht nichts am Finger zu haben, damit sich der rechte Ringfinger nicht nackt anfühlt. Ich sehe ihn an. Lege alles in ihn hinein.
Leonard, der meinen Stolz verletzt hat. Ich lege Constantin hinein, dessen Ring ich sieben Jahre am Finger trug. Julius, mit dem blonden Dandyhaar, der mich und nicht weiss was er will. Martin, den süßen schwedischen Mann meiner Träume, der sich nicht meldet. Sie alle sollen glücklich sein, ich wünsche es ihnen.
Ich nehme den Ring ab, werfe ihn in den Dreck der Bahngleise, zwischen die Kippen und den Rattendreck, bevor der Zug einfährt. Kurz davor. Nachhause.
Zuhause tönt mein Nachbar ins Fenster. Er wird wild beklatscht für ein Countrystück auf der Gitarre. Gibt eine Zugabe. Es ist November, ich ziehe eine Strickjacke über, höre weiter zu.
Keine Männer mehr. Ich hab mich jetzt selber lieb. Brauche niemanden, der mir Aufmerksamkeit schenkt. Denn das kann ich in der Theorie ja wohl selbst am besten.
Der Nachbar singt weiter. So geht es. Ich sehe ihn nicht, er lenkt mich gerade so ab, dass es angenehm ist. Alle anderen können sich zum Donnergrommel scheren.
Ich sehe nicht mehr wohlwollend in den Spiegel. Weiß nicht, wie lang schon nicht mehr. Andere können ja sagen, was sie denken. Meine Spiegelblicke sind rein funktional. Hab ich was auf der Nase? Sitzt der Pony, steht nix ab? O.k. Raus.
Schauen sich andere Menschen im Spiegel an und denken, wie lieb sie sich haben? Machen das viele? Meiner Erfahrung nach fühle ich mich mit einem vermeintlich exklusiven Gefühl des öfteren alleine. Doch dann stellt sich heraus, oft auch später, wenn es schon gar nicht mehr brennt: neee, das kennen die meisten. Ist wohl ein menschlicher Mechanismus. Menschlich, allzu menschlich. Darum geht es sicher nicht nur mir so. Aber das erzähle ich nicht beim Kaffee.
“Mach mal Therapie!” … ja, sobald ich die Krankenkassenbeiträge wieder regelmäßig bezahlen kann. Echt. Aber erst kommt das Fressen, dann die Moral. Das ist aber ein anderes Thema, das greife ich später auf. (Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind.)
Weiter.
Froschkönig. Was andre denken.
Fieberbesuch.
Keiner meldet sich.
Denke kurz nach, vor die Bahngleise zu springen.
Dann bin ich dankbar, Leonard, der mir auf der ersten Kreuzberg-Kneipentour sagte, einer meiner Punkte auf meiner unbedingt To- Do- Liste sollte sein, und zwar der erste: kein Selbsttmitleid, keine Arroganz.
Wenn ich aber doch so sehr empfänglich bin für Beeinflussung und Ablenkung, wie kann ich mich dann anders abgrenzen als so? Gut, ich lese Bücher über Achtsamkeit, Zen und Buddhismus im Allgemeinen. Sie helfen, auch in verdammt schwierigen Zeiten wie diesen ruhig zu bleiben, die Gefühle zu beobachten, Bedürfnisse und das alles nicht so ernst zu nehmen.
In den zwei Wochen in der Schweiz als Hundesitter meiner Schwester versuche ich, mich selbst zu befriedigen. Warum habe ich keine Lust auf Sex? Jedenfalls, soviel ich merke?…Ein kurzer, durch bewegte Bilder herbeigeführter Orgasmus, das ist alles. Dauert vielleicht vier Sekunden. Eine Welle, die an der Klitoris bleibt und keine Wärmewelle im Körper aussendet, den Hypothalamus nicht zum implodieren bringt.
Meine Güte, ich muss echt mal lernen, mich selbst zu lieben. Wie soll ich von anderen Superorgasmen verlangen, wenn ich das nich selbst kann? Ist das normal?

Kreuzberg November
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