Oleg ist IT Berater und nimmt 12 Euro dafür, dass er die beiden anderen Mitfahrer und mich drei Stunden vollquatscht. Jeder Satz beginnt mit : „ICH….blablabla“. Von seinem Leben und seiner Denkweise weiss ich nach einer Stunde schon mehr als von manchen alten Freunden.
Fragen stellen wir wenige, aber das ist auch nicht nötig. Ich weiss jetzt mehr über die Herstellung von Autoteilen bei BMW, Müllverbrennungsanlagen, die politischen Zustände in Bulgarien, Hitler, Putin und die CSU als noch am Morgen.
Die beiden anderen Mitfahrer sind ein Pärchen. Ulli und Fabian sehen aus wie modisch aufgeweckte, gebildete Mitzwanziger, unverdächtig, mit wachem Blick sehen sie mich vom Rücksitz aus an.
Sie sind Zeugen Jehovas und haben die letzten zwei Jahre in Paraguay verbracht. Leben von Ihrem Ersparten und missioinieren nebenbei die katholisch-schamanischen Ureinwohner. Fabian hat BWL studiert an der Berufsakademie bei Siemens und wusste schon während des Studiums, dass er nicht der richtige ist für einen Bürojob. Ulli hat eine Ausbildung gemacht als Fachfrau für visuelles Marketing.
Als ich auf Olegs Berufsbeschreibung – IT-Berater- mit spöttischem Unterton erwidere: „Ah, Con-sul-tant!“ lachten wir.
„Ja, eine Putzfrau heisst ja heute auch Facility Manager!“, kichert Oleg, und sein dicker Bauch wackelt hinterm Steuer.
„Und ein Head of Facility Management is ooch bloss n Hausmeister“, bemerke ich.
Ok, Ulli ist “Fachfrau für visuelles Marketing, in alt- deutsch also ausgebildete Dekorateurin. Und die Botschaft Jesu ist ihr wichtig. Warum auch nicht. Ich habe da nix gegen, sollen die mal.
Als ich 13, 14 Jahre alt war und oft allein zuhause, habe ich die Zeigen Jehovas auch ein paar Male reingelassen, sie zum Kaffee eingeladen, mir Bücher mit Bildern vom Paradies schenken lassen: hübsche Frauen in griechisch anmutenden Togas, die auf grün- beblumten Wiesen stehen und Löwen streicheln. „Mirkaufetnix“- rauskomplementieren kann ja jeder. Ausserdem kann ich ja jetzt nicht fliehen. Also höre ich mir an, was sie zu sagen haben.
„Es ist sehr anstrengend, anders zu sein“, sagt Oleg.
Ich lache auf. „Das könnte ich mir auf ein T-Shirt drucken“, sage ich, um meine Reaktion zu erklären.
Hundert Kilometer weiter auf der grell sonnigen Autobahn weiter, Kant haben wir diskutiert, Fabian kann den Kategorischen Imperativ im Original- Wortlaut wiedergeben, ich nur sinngemäss.
„So viel IQ in diesem Auto auf einmal hatte ich noch nie“, ruft Oleg, begeistert und verwundert. „Ich rede so, was mir auf der Zunge liegt, ich bin sehr direkt.“
Er sieht die Welt “wie sie ist” und das bedeutet bei Oleg schwarz- weiß, aber eigentlich schwarz. Wir sind sehr verschieden.
„Die meisten fahren nur einmal bei mir mit“, sagt Oleg fast am Ende der Fahrt. „Das hättest du uns mal vorher sagen können“, erwidere ich. Wir lachen alle laut und verabschieden uns schnell.
Eine Woche später klingelt mein Handy. Oleg ruft an.
Er stammelt eine Weile unverständliches Zeug. Ich glaube, er will anbandeln. Weil er sich verstanden gefühlt hat vielleicht. Weil er denkt, ich sei auch anders.
Wie viele Arten von anders es wohl gibt?
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