In Spandau stand tatsächlich eine circa 50-jährige Frau (oder 30, wenn sie Alkoholikerin war) mit blondierten, kurzen Haaren in der Schlange, rote Satinbomberjacke zur Schlaghose, in der Hand ein Bier. Es war Vormittag. Sie lehnte lässig an die Wand, ab und zu entwich ihr ein bitteres heiseres Lachen. Sie blickte ständig um sich herum, als suche sie das Gespräch. Niemand suchte es mir ihr.
- INTERMEZZO IM BUS -
Auf dem Weg nach Neukölln falle ich beim Betreten des Linienbusses fast in Ohnmacht, zusammen mit circa 20 miteinsteigendnen Menschen. Ein Penner mit zwei unterschiedlichen Schuhen und einer Klampfe, der eine Saite fehlt stinkt so erbärmlich, dass es mir den Atem verschlägt. Mir wird übel. Zu spät, der Bus rollt.
Der Verwesungsgeruch der Hoffnungslosigkeit dringt in meine Poren. Ich versuche, Haltung und Stimmung zu bewahren.
Er brabbelt mich an: “Bissu Krankenschwester?”. Das alles wegen meines Mutter-Teresa- Blicks. Der ist laut Freund und Mutter- Meinung hauptsächlicher Verursacher dieser starken Anziehungskraft, die ich auf Hoffnungslose Gestalten ausübe.
Ich halte den Kragen des Mantels an den Mund, schüttle den Kopf. Mund zu, Nase zu.
“Sch-schade.”
In der Handtasche finde ich eine Probe Parfum, die ich vollständig auf Handgelenken, Schal, Mantel nd Kragen verteile. Atmen geht wieder.
Der Busfahrer grinst mich durch den Rückspiegel an. Hat wohl seine eigene Klimaanlage, der Doofkopp.
Im Jobcenter werde ich dann wegen meiner starken Parfumierung schräg angeguckt in der Schlange.
Es kommt eben immer auf die Umgebung an, ob man unpassend wirkt oder nicht.
Die Schlange lässt den “Kunden” auch eins spüren:Wer keine Kohle hat, kann sich keine Diskretion leisten.
Von hinten und vorne werde ich in der Schlange bedrängelt von stinkenden Menschen. Von außen und innen werde ich von der Sachbearbeiterin gegängelt und bedrängelt: “Haben sie Kinder? Und ihre Eltern? Oh. Wie stehen sie zur Intimrasur? Glauben sie an Gott?”
Trotz dieser Angriffe auf meine Würde bleibe ich respektvoll und demütig. ich weiß eben, was sich gehört: gib den Menschen das gefühl, sie seien wertvoll, dann sind sie gut zu dir.
Die armen Leute, die dort arbeiten, sind eben auch einfach froh, wenn sie Menschen ohne Fahne, mit gutem Benehmen und Hoffnung gegenübersitzen.
Und ich bin kinderlos, 25 Jahre alt und Akademikerin. Gute Chancen also auf eine Non- Assi- Zukunft.
In der nächsten Folge:
–> Die WIEDEREINGLIEDERUNGS- BERATUNG oder: “Wozu brauchen sie ein Praktikum? Können sie nicht so arbeiten gehen?”
