Meine musikalische Neuentdeckung: die Band Deerhunter.
Auf FM4 höre ich einen Bericht über die Musiker aus Atlanta. Und fühle mich angesprochen, persönlich, wie schon lange nicht mehr bei einer Band, bin gefangen, besonders vom Frontsänger und den Themen, die ihn umtreiben:
“Bei Deerhunter – eben auch auf der mittlerweile vierten Platte Halcyon Digest – lauscht man den Echos der längst vergangenen Jugendtage. Unerfüllte Träume treffen auf verstorbene Freunde, auf Ohnmacht und Angst. Oder wie es Bradford Cox in eigenen Worten sagen würde:
“…to a collection of fond memories and even invented ones, like my friendship with Ricky Wilson or the fact that I live in an abandoned victorian autoharp factory. The way that we write and rewrite and edit our memories to be a digest version of what we want to remember, and how that’s kind of sad.” “
…diese Erfahrung mache ich am eigenen Leib…..jetzt wird es persönlich!
Musste kürzlich feststellen, dass meine Erfahrungen von Gewalt in meiner Kindheit nicht vom (ohnehin nicht satisfaktionsfähigen) Ex- Stiefvater rühren, wie ich es immer glaubte, erlebt zu haben und auch erzählte, sondern die Gewälttäterin in Wahrheit meine Mutter war.
Das stellte sich vor zwei Tagen heraus, in einer Unterhaltung mit meiner acht Jahre älteren Schwester. Das Gefühl des Begreifens in diesem Moment lässt sich schwer beschreiben. Erst Leugnen, dann Unverständnis, dann Verwirrung, später Akzeptanz, als es unbestreitbar klar wird, dass ich das falsch abgespeichert hatte, fast 20 Jahre lang…
So hatte ich das nicht abgespeichert.
Langsam beginne ich deshalb auch die Fantasiewelt als Gegebene zu akzeptieren.
Wie kann sie weniger real sein, wenn sie genauso in unserem Kopf existiert wie die sich ständig umbildende von uns so genannte Realität, die wir uns auch ständig selbst schaffen, wie Kleider, die wir selbst auf Leib geschneidert haben und uns rauslegen für den nächsten Tag übers Stuhlbein, parat.
Falls jemand fragt: wo kommst du her? Was hast du erlebt als Kind? Wie bist du aufgewachsen?
Dann habe ich, wie viele wahrscheinlich, eine massgeschneiderte Erinnerung auf Lager, oder eine Phrase, eine Anekdote, eine Geschichte, eine Erklärung für das Heute vielleicht sogar. …Eine selbst erfundene, zu grossen Teilen.
Was wahr ist?
Ich kann erzählen über die Fantasiewelten, in denen ich als Kind gelebt habe. Ich spüre sie noch wie manche Alpträume, die sich wiederholten.
Eine breite Fensterbank aus Stein, der fühlt sich kalt an, ich bin vier oder fünf oder sechs Jahre alt, sitze darauf mit angezogenen Knien, schaue auf die dunkle Strasse runter, zweiter Stock. Unten ein erleuchtetes Schausfenster eines Hifi- Ladens, es blinkt bunt. Der unbeleuchtete Raum, in dem ich mich befinde im Traum ist mein grosses Kinderzimmer, daran angeschlossen das kleinere Zimmer meiner grossen Schwester. Ich bin allein.Von der Tür her kommt etwas dunkles, schwarzes auf mich zugekrochen. Es ist gross. Ich kann nicht aufhören, darauf zu starren, es kommt näher und näher, und als es genau vor mir, unter mir auf dem Boden ist, erhebt es sich….es ist der schwarze Mann.
Ich erwache.
Diese Traumwelten stehn übrigens genau gleichwertig und scharf und klar vor meinem inneren Auge wie die realen Bilder meiner Grundschulzeit, des Hauses, in dem ich aufwuchs, der Dinge, die sich da drin abspielten:
gefühlte Stunden allein mit einer nicht aufessbaren Forelle, deren Augen mich anstarren, vom Teller auf der bunten Wachstuchdecke aus. Auf dem hellen Kiefernholztisch, in eine Eckbänke gedrängt sitzend in einer Küche mit schiefem Boden und schwarz weiss karierten PVC- Kacheln. Die bunte Wanduhr tickt, rundes Plastik, um die meine Mutter auf die Rauhfasertapete mit Acrylfarbe ein übergrosses Swatch- Armband gezeichnet hat. TickTick……..
Kein Erwachen. Meine Mutter will, dass ich den Fisch aufesse.
Oder war es ganz anders?
Erinnere ich mich wirklich daran oder habe ich das alles so umgebaut, wie ich es erinnern will? Ist dieser Fisch und die Erinnerung daran eine leicht verdauliche Version dessen, was war, wie Bradford Cox sagt?

