Archiv der Kategorie: Sei anders sei neu hier sei Berlin

Flashmob für die Aufnahme von schutzbedürftigen Flüchtlingen in Deutschland

Vor dem *Saturn (Kaufhaus)* auf dem *Alexanderplatz*

*23. Juli von 11:55 Uhr bis 12:10 Uhr

Die Save me Kampagne ruft in Berlin und anderen Städten zum Flashmob
auf, um auf die Situation von Flüchtlingen in Nordafrika und dem Nahen
Osten aufmerksam zu machen und ihre Aufnahme in Deutschland zu verlangen.

Kommt am 23. Juli um 11:55 Uhr auf den Alexanderplatz ! Bringt
Schwimmflügel, Rettungsringe, Gummiboote und sonstige Badesachen mit !
Fordert ?Save Me !? auf Schildern und Transparenten !

Die politischen Umbrüche in Tunesien und Ägypten und die Kämpfe in
Syrien und Libyen zwingen viele Menschen zur Flucht. Auch Menschen aus
Somalia, Eritrea, Sudan, Irak und anderen Ländern, die in Libyen
Zuflucht gefunden hatten, befinden sich erneut in akuter Bedrohung.
Viele von ihnen wurden vom UN-Flüchtlingswerk als schutzbedürftige
Flüchtlinge anerkannt und können auf lange Sicht nicht mehr in ihre
Herkunftsländer zurückkehren. Auch in der Türkei sitzen tausende
Menschen fest, denen die türkische Regierung keinen ausreichenden Schutz
gewährt.

Das UN-Flüchtlingswerk hat wiederholt an die EU-Staaten appelliert, sich
an der Aufnahme von Flüchtlingen aus den Krisengebieten zu beteiligen.
Weil die europäischen Staaten bisher kaum auf diese dringenden
Forderungen reagierten, sehen viele Menschen nur einen Ausweg: die
lebensgefährliche Flucht über das Mittelmeer. Über 1600 Menschen sind
dabei seit Anfang 2011 ums Leben gekommen.

Europa muss endlich Verantwortung übernehmen! Deshalb fordern wir von
der Bundesregierung die Aufnahme von schutzbedürftigen Flüchtlingen aus
Nordafrika und dem Nahen Osten und die regelmäßige Aufnahme und
Integration von Flüchtlingskontingenten über das Resettlement-Programm
der Vereinten Nationen.

*Deshalb: kommt am 23. Juli um 11:55 Uhr mit Rettungsringen, Badesachen
und Transparenten zum Flashmob auf den Alexanderplatz (Vor dem Gebäude
des Saturn Kaufhauses)!
*
*Bitte leitet dieses Nachricht an möglichst Vielen Personen weiter!!!*

Auf facebook: http://www.facebook.com/event.php?eid=211438605568483

Im Netz: http://www.save-me-berlin.de/terminleser/events/flashmob-fuer-die-aufnahme-von-schutzbeduerftigen-fluechtlingen-in-deutschland.html

Jetzt mal Tacheles geredet!

12 Jahre ist es her, da habe ich das Künstlerhaus Tacheles das erste Mal besucht.
Damals war ich eine 16-Jährige Pfadfinderin, wohnte im Schwarzwald und kam zum ersten Mal nach Berlin.

Unsere Pfadfindergruppe ist damals 14 Stunden lang mit Wochenendtickets durch Deutschland gefahren, in Bummelzügen, mit ein Dutzend Mal Umsteigen.

In Berlin angekommen, sind wir sofort ins Tacheles, der Ruf des alternativen Hauses drang bis ans andere Ende der Republik zu uns. Wir folgten ihm, in fiebriger Aufregung.

Ganze 14 Stunden Aufenthalt hatten wir dann, bis wir uns wieder in den Zug nachhause setzen mussten, damit wir das Hinfahrtticket noch für die Rückfahrt nutzen konnten. Die dauerte dann wieder 14 Stunden.

Und alles wegen des Tacheles!!!

Damit wir jungen Pfadis, die meisten linke Antifa-Punks und/ oder Hippies, auf jeden Fall Misfits im besten Sinne, das grosstädtische Kultur- Unikat mit eigenen Augen sehen konnten.

Beim ersten Gang durch das halbverfallene, graffitiverzierte Haus mit den offenen Türen, den verwinkelten Fluren, hinter jeder Ecke ein Abenteuer, ein Riesenspielplatz für Menschen, die Kunst machten oder hier einfach nur ein Platz unter Gleichgesinnten suchten…..beim ersten Entdecken fiel die Entscheidung:

ich ziehe eines Tages nach Berlin!

Hier gibt es Platz für Misfits! Hier darf man anders sein und es ist gut so! Hier ist es nicht assi, sondern gehört zur urbanen Kultur!

Jetzt bin ich fast 30 und immer noch unangepasst. Mein Leben ist keins aus dem Ikea- Katalog, kein glattsaniertes Mitte-Leben, mit Yoga, Kokoswasser und After-Work-Partys. Und: Ich bin nicht allein, wir sind viele! Bei aller Vorwärtsgewandtheit brauchen wir Projekte wie das Tacheles!

Das Besondere an Mitte ist das Tacheles. Punkt. Es ist weder reproduzier- noch ersetzbar.
Das Haus in der Oranienburger Strasse zu zerstören und dort tätigen Künstler ihren Freiraum zu nehmen, käme einem endgültigen Todesstoss des Viertels gleich.

Und hier ein Manifest von BERLIN FREE CITY, einer Vereinigung von Kunst- und Kulturschaffenden, die sich für “Wachstum und Erhalt einer lebendigen, offenen und dynamischen ALTERNATIVEN Kunst- und Kulturszene als
einen überlebensnotwendigen Teil der Stadtentwicklungspolitik”
einsetzen:

http://berlinfreecity.org/

Allzeit bereit!, sagt die Pfadfinderin in mir. Ich bin bereit, mit euch zu kämpfen, Tacheles- Freunde!

An B.

Ich fahre zu Dir, und dabei lese ich über Dich.

Stehe am Gleis in Singen Hohentwiel -das ist im Schwarzwald- , und habe einen im Tee von Wein aus einem Pappbecher. Wie so oft bei Dir….sozusagen in Gedenken an Dich. In deinem Gedenken rauche ich eine und schnippe die Kippe auf die Schienen. So mache ich das bei Dir auch immer.

Und dieses Wochenende komme ich Dich besuchen.

Deshalb versuche ich vorher herauszufinden, was du so treibst zurzeit. Es ist Halloween, Zeitumstellung auch.

Seit einem Tag habe ich ein flaues Gefühl im Bauch. Echt als ob ich  etwas Falsches gegessen hätte. Aber es ist doch die Aufregung, Dich wiederzusehen. Bist eben doch was ganz Besonderes, und nicht leicht zu verlassen, hinter sich zu lassen. Das Grummeln im Bauch, das kenne ich aus Prüfungssituationen. Ist auch ein Quentchen Angst untergemischt.

Aber nicht ohne Grund habe ich Dich verlassen. Ich komme ja nur wieder, um Tschüs zu sagen und meine Sachen zu holen.

Eine, die Dich kennt, beschreibt Dich als  “verführerischen Freund”, der gerne sowas sagt wie “Komm schon, bleib noch etwas, trink noch etwas, du musst morgen nicht zur Arbeit”. Und dann, sagt sie, “wachst du am nächsten Morgen völlig verkatert auf und stellst fest, dass 5 Jahre deines Lebens einfach verschwunden sind”.

So ganz so würde ich das nicht formulieren. Es sind in meinem Fall drei Jahre, und sie sind nicht verschwunden, sondern teilweise

versickert, versumpft in Bars, verschwitzt in Clubs, vertanzt, verspielt, verstudiert, verschaukelt, verfahren, verdreht, versoffen, verfeiert, verschlafen, versetzt, verzweifelt, verschissen, vermisst, verloren, vergeigt, versungen, verschlampt,…..

aber nicht vergessen. Du bist nicht vergessen.

Du hast mir Dinge gezeigt, die ich sehen wollte und von denen ich geträumt habe. Du hast mir kleine Vorgeschmäcker gegeben,Häppchen- und -schluckweise auf das, was möglich ist, wenn ich es will. Manches war auch zuviel zu Schlucken für mich.

Bei Dir habe ich gelernt, mich treiben zu lassen, die Augen weit auf zu machen und zu entdecken. Eigentlich musste ich nur sitzen und gucken und geschehn lassen. Teil dieser Situation (-en) sein, die du gestaltest.

Und vielen Leuten geht es so bei Dir. Jeder will irgendwie einen Teil von Dir, ein Teil von Dir sein, oder zumindest ein Souvenir, ein Stückl vom Kuchen, das sowas von in den Dreck gefallen ist und trotzdem noch so verlockend süß und geniessbar, weil einzigartig.

Was du verlangst, …was du verlangst, ich konnte es nicht geben. Zuletzt dachte ich, ich bin an Dir zerbrochen. Oder zumindest gescheitert. Was du verlangst? Willensstärke. Die verlangst du jedem ab. Eben weil du so verführerisch bist.

In deinen Augen verliert man sich doch, verlor ich mich. So, dass ich nachts nicht schlafen konnte, weil ich dachte ich verpasse etwas, wenn ich nicht voll bei Dir, voll dabei bin. Dachte immer, meine Kondition sucht ihresgleichen, aber du, mit deiner Energie kann ich nicht mithalten.

Mein Ehrgeiz, Dich zu erobern, blieb bis zuletzt, -nein- er ist bis jetzt ungebrochen. Weisst du, ich habe mir nie eingestehn können, dass ich es nicht packe ohne diese Willensstärke und die Disziplin. Ein paarmal wurde ich dann ausgebremst, weil ich gemerkt habe, mit Dir, krasse Type, kann ich nicht mithalten. Aber die Blösse geben und vorzeitig abbrechen, aussteigen? Nein….Zusammengebrochen bin ich, sprichwörtlich. Brauchte Hilfe beim wiederaufstehn und Klarkommen, aber Dir war das egal. Doch deshalb böse sein auf Dich, das kam mir nicht in den Sinn. Kommt es mir immer noch nicht. Ich hab Dich immer so genommen, wie du bist und warst, auch wenn du dich veränderst, ständig. Denn ich kenne das und bin genauso. Das einzig Beständige ist doch der Wandel.

Und führe mich nicht in Versuchung”…dieses Mantra funktioniert bei dir nicht….Du tust es ständig und wirksam.

Philharmonie durch den Hintereingang? Generalprobe mit Rattle? Geheimclub mit Zeichen am Eingang und drinnen Champagner und Theaterikonen an den Tresen, alles für umme? Szene, Freaks und Künstler, Transen und Burlesquefiguren stecken mir ihre Kärtchen zu, Regisseure, Schauspieler, du kennst sie alle und stellst sie mir vor. Sie stellen sich mir vor, weil wir dich gemeinsam haben. Durch Dich kenne ich sie alle: Politker, Dominas, Tänzer, Varietekünstler, Kiezgroessen, Musiker, Djs…..Du machst uns bekannt und irgendwie kriegst du es hin, dass immer irgendwas geht, irgendwas fliesst, Schampus, Bier, MDMA Bowle……

Aber auch wenn ich mit dir allein bin -was selten genug ist- bedeutet deine Gegenwart, nur deine Präsenz Gewinn und Reichtum. Ich sehe Möwen, leerstehende Hochhäuser, die wie einzelne Zähne im Maul einer alten Frau ohne Gebiss stehn, der Landschaft Halt geben. Verlassene Ferienheime, Schwäne, grüne Seen, grüne Feen, Riesenwelse, Ruderboote, Platanenalleen, Wälder wie im Dschungel, wilde Füchse, die gezähmte Enten reissen, verkehrte Welten….alle nebeneineander existierend, nicht einander störend. Ko-existierend.

Nicht mehr, nicht weniger.

Diesen ganzen Zauber sehe ich, wenn ich bei dir bin. Und es ist Zauber und Realität zugleich: Pinkrosa Elfen mit Schnurrbärten in Übergrösse fallen von Schaukeln, die an Bäumen hängen mit Discokugeln, die in Gärten stehn, die keine sind,aber wie Eden sich anfühlen, so unschuldig in dreckige Flüsse. Platsch! Sündenfälle überall. Nasse getaufte desillusionierte Elfen, mit nassen Flügeln, die aussehn wie triefend nasse, vom Wind umgedrehte Regenschirmskelette.

Zuckerwatte liegt an Sommerabenden auf der Strasse. Er weht durch den Kiez und Menschen halten ihn irritiert zunächst für Schnee. Schnee bei über 25 Grad! Das ist Zuckerwatte……Ein rostiges Jahrmarktkarussell wartet darauf, gekauft zu werden und dreht sich wie zur Probe auf bessere Zeiten im Wind…..Der gleiche Wind, der auch den Zuckerwatteschnee bewegt. Doch der Grund auf dem das Karussell steht, der Grund gehört den grauen Herren. Von denen will kein anständiges Zirkuspferd kaufen. Deshalb bleibt das Karussell verlassen. Vorerst.

Dafür werden im Winter die Schwäne verdrängt von Eisdecken, auf die man Sofas stellen kann. Aufs Wasser. Wirklich wahr! Und das alles sind keine doofen Geschichten, das passiert alles wirklich, wenn ich bei Dir bin. Kein Scheiss. Das und noch soviel tausend Wunder mehr.

Und deshalb will ich eigentlich nicht mehr ohne Dich sein. Weil du mein Leben reicher machst. Aber…mit dir -ich muss es dir sagen, auch wenn es Dich nicht interessiert- …mit dir mach ichs mir auch ganz schön einfach. Weil du mich mitreisst, zwar viel abverlangst aber niemanden, auch nicht mich, zu irgendwas zwingst. Und dadurch…..du bist eben nicht fordernd….dadurch werde ich bequem und entwickle mich nicht weiter. Nicht ohne diese Willensstärke. Diese verdammte Willensstärke. Die brauche ich, wenn ich Dich bei mir haben will. Denn ich krieg dich nicht gezähmt….Eher machst du mich wild.

Der Zug kommt. Bald bin ich bei Dir.


Mein Geburtstagskonzert

“Das Recht auf Weirdness” titelt das Intro- Magazin über das neue Album und die beiden süßen Schwestern überhaupt. Jawollja. Als ich am Vorabend bei Joanna Newsom noch dachte, das sei nicht zu toppen, wusste ich nichts von der bombastischen Live-Wirkung der beiden Zigeunerfeen.

“Mein Leben ist die Hölle. Nur bunt.” So lese ich im Zeit-Magazin heute beim Frühstück von Bernd das Brot (KIKA). Immerhin bunt, denke ich. Wäre das wunderbar, wenn es mehr CocoRosies gäbe:  wilde, schöne Frauen mit Schnurrbärten und Wäscheklammern im Haar.

Bestellung Berlin Teil 3: ein bisschen Geld, ein bisschen Liebe

….oder:

auf Selbstzerstörungskursk im multinationalen Urban Jungle

Überraschung: mehr Rumknutschen macht nicht weniger einsam. Binge-drinking auch nicht. Das hilft alles nichts. Eine Strip-Tänzerin, ein Schauspieler, eine Blondine in Netzstrümpfen und ein Opernsänger weiter….Allein zuhause.

Karriere läuft.

Eine Zusage für Nizza (Universität), eine für Afrika (Entwicklungshilfe) und eine ausstehende für ein hippes Berliner Radio (Volo) weiter

Und der Schnee schmilzt.

Was erstmal für mich bedeutet: ich kann wieder mit High Heels zu Partys gehen und mir einiges an Taxigeld sparen.Und: ohne Jesus- Attitüde über den Kanal in Kreuzberg rennen geht erstmal nicht mehr.

Schön für die Schwäne. Mehr Platz zum Schwimmen.

Das mit dem Auf mich Konzentrieren klappt ganz gut. Trotz wärmerer Temperaturen liegen meine eigenen Liebesprobleme erstmal auf Eis.

Stattdessen löse ich die anderer Leute, zum Beispiel die des Schauspielers, der wahnsinnig verliebt ist in eine Schauspielerin. Die will sich aber trotz grosser Gefühle auf ihre Karriere konzentrieren und nach Hollywood gehen. Er hat Liebeskummer. Und knutscht mit mir. Danach freunden wir uns an. Ich sage ihm, dass Klassefrauen selten mit Worten umzuhauen bzw zu gewinnen sind, sondern eher mit Worten. Also wenn er sie wirklich liebt und sie ihn – obwohl sie nicht mit ihm zusammen sein will- soll er verdammt noch mal Taten sprechen lassen, Nägel mit Köpfen und ihr einen Antrag machen. Im folgenden helfe ich ihm, einen Ring bei Tiffanys auszusuchen für seine Angebetete. Was, wenn sie nein sagt? Ja, was soll schon sein? Dann hat er es wenigstens versucht.

Für was soll man sich denn schon zum Affen machen,wenn nicht für die Liebe???

Na bitte. Wenn sie nach Hollywood geht, dann wenigstens mit Ring. Sonst kann sie auch nicht, wie sie es jetzt tut, von ihm verlangen “auf sie zu warten”….. Da ist mir schon der Hut hoch gegangen….. ein hübscher Schauspieler in den besten der jungen Jahre, der sich für eine karrieregeile junge narzisstische Besetzungscouchsuperfrau aufheben will. Masochismus at its best. So nicht!

Nächste Bekanntschaft:

ein alternder Opernsänger, der nicht nur in seiner Herkunft zerrissen scheint. Halb russe, halb Ami. Seine Kinder und Exfrau in NY, er in Berlin. Geboren in Sibirien, russische Tiefen- Melancholie (“mein Herz ist leer”) gemischt mit amerikanisch anmutender Profanität (“wir sollten uns in Mitte treffen, ist näher an meinem Bett, da landen wir sowieso, oder?”). Der Mann ist so traurig, dass ich mir nicht vorstellen kann, welche Frau mir welchem Herzen oder welchen Titten, welche Musik oder welche Cocktail ihn mal so richtig herzlich zum Lachen bringen kann.

Selbst in meinen vermeintlich verzweifelsten Zeiten in Berlin habe ich das gemacht. Oder wenigstens herzlich geweint. Hauptsache herzlich.

Doch anstatt sich nach einer langen Probe am Theater auf gutes Essen zu freuen, bemerkt er beim Blick auf die Karte, dass er ja einen Burger will…aber dass so ungesund sei….und dass er 5 Kilo zugenommen hat im Winter….aber dass er ja schon Lust hat….”ahhh, fuck it!”…..Minutenlang geht das so.

Selten habe ich jemanden so lustlos sagen sehen, dass er auf etwas Lust hat.

Als ich ihn kennenlernte, sah der Opernsänger auf der Bühne bei der fatalen Burlesque- Veranstaltung nicht halb  so lebensfroh aus wie er beim ersten (und letzten, wer hätts gedacht?) Date verbraucht, verzweifelt und unten mit dem King wirkte. Wie poetisch, dachte ich noch, als er sagte, er kann seit drei Tagen nicht schlafen…

… später stelle sich heraus, dass er den koffeinfreien mit dem normalen Kaffee verwechselt hatte.

Shit happens.

Schon wieder was gelernt. Über Bühnenmenschen unterschiedlichster Couleur.

Boah Benno.

Beim ersten Bier

erzählt er mir

seine beiden letzten Freundinnen haben ihn verlassen.

Die eine nach 4 Jahren

als er aus dem Urlaub kam,

standen in der Wohnung ihre Eltern

und packten ihre Sachen.

Sie wollte lieber auf unbestimmte Zeit Urlaub

in Australien mit seinem Freund, einem Australier, machen.


Die andere blieb eineinhalb Jahre.

Er erwischte sie

in der gemeinsamen Wohnung

mit einem gemeinsamen Freund, einem Erasmusstudenten, im Bett.


Nich nett, nich nett.

Nein Benno, das Leben ist nich nett.

Hundeaugen.

Benno is achtunzwanzig und arbeitet im Callcenter.

Benno hat Nierensteine und Magengeschwüre

und einen Bauch.

Hat er auch.


Beim Bier mit mir,

macht er Komplimente.

Erzählt, sein Vater wählt braun,

und er sieht ihn kaum.

Er hat ein Boot an der Müritz und

Klassentreffen gehabt.

Wenn er die Leute dort sieht, könnt er kotzen,

die sind achtundzwanzig wie er, haben Kinder und wohnen immer noch dort.

Da geht’s ihm schon viel besser.

Er wohnt im Prenzlauer Berg im Apartment mit Portier,

der geht sogar einkaufen.


Aber er zieht jetzt um.

Mehr nach Mitte,

in eine Wohnung, die seinem Gehalt

als Juniorprojektmanager angemessener ist.


Benno sieht einen selten an,

und wenn, dann schielt er ein wenig.

Er lächelt mit zusammengepressten Lippen,

raucht ungeschickt im Stehn mit hängenden Armen.


Man möchte rufen:

Benno lass dich doch nicht so gehn!

Wer will das denn sehn?

Das ist doch nicht schön!

Das sieht ja aus, zum Gott erbarmen!


So eine Klassefrau wie dich, trifft man nicht alle Tage.

Sagt er.

Danke.

Ich geh.

Bestellung Berlin: ein bißchen Geld, ein bißchen Liebe. Teil 2

Die Stimme der Russin in der U8 zwei Sitze weiter wiegt mich ein, beruhigt mich.

Gerade noch stand ich am Bahnsteig Boddinstrasse, halb zwölf nachts, auf dem Weg nach Hause. Kurz bevor die U Bahn kommt, visualisiere ich.

Der silberne Ring am Finger mit der Perle, den ich anhabe, um nicht nichts am Finger zu haben, damit sich der rechte Ringfinger nicht nackt anfühlt. Ich sehe ihn an. Lege alles in ihn hinein.

Leonard, der meinen Stolz verletzt hat. Ich lege Constantin hinein, dessen Ring ich sieben Jahre am Finger trug. Julius, mit dem blonden Dandyhaar, der mich und nicht weiss was er will. Martin, den süßen schwedischen Mann meiner Träume, der sich nicht meldet. Sie alle sollen glücklich sein, ich wünsche es ihnen.

Ich nehme den Ring ab, werfe ihn in den Dreck der Bahngleise, zwischen die Kippen und den Rattendreck, bevor der Zug einfährt. Kurz davor. Nachhause.

Zuhause tönt mein Nachbar ins Fenster. Er wird wild beklatscht für ein Countrystück auf der Gitarre. Gibt eine Zugabe. Es ist November, ich ziehe eine Strickjacke über, höre weiter zu.

Keine Männer mehr. Ich hab mich jetzt selber lieb. Brauche niemanden, der mir Aufmerksamkeit schenkt. Denn das kann ich in der Theorie ja wohl selbst am besten.

Der Nachbar singt weiter. So geht es. Ich sehe ihn nicht, er lenkt mich gerade so ab, dass es angenehm ist. Alle anderen können sich zum Donnergrommel scheren.

Ich sehe nicht mehr wohlwollend in den Spiegel. Weiß nicht, wie lang schon nicht mehr. Andere können ja sagen, was sie denken. Meine Spiegelblicke sind rein funktional. Hab ich was auf der Nase? Sitzt der Pony, steht nix ab? O.k. Raus.

Schauen sich andere Menschen im Spiegel an und denken, wie lieb sie sich haben? Machen das viele? Meiner Erfahrung nach fühle ich mich mit einem vermeintlich exklusiven Gefühl des öfteren alleine. Doch dann stellt sich heraus, oft auch später, wenn es schon gar nicht mehr brennt: neee, das kennen die meisten. Ist wohl ein menschlicher Mechanismus. Menschlich, allzu menschlich. Darum geht es sicher nicht nur mir so. Aber das erzähle ich nicht beim Kaffee.

“Mach mal Therapie!” … ja, sobald ich die Krankenkassenbeiträge wieder regelmäßig bezahlen kann. Echt. Aber erst kommt das Fressen, dann die Moral. Das ist aber ein anderes Thema, das greife ich später auf. (Warum wir ohne Moral die besseren Menschen sind.)

Weiter.

Froschkönig. Was andre denken.

Fieberbesuch.

Keiner meldet sich.

Denke kurz nach, vor die Bahngleise zu springen.

Dann bin ich dankbar, Leonard, der mir auf der ersten Kreuzberg-Kneipentour sagte, einer meiner Punkte auf meiner unbedingt To- Do- Liste sollte sein, und zwar der erste: kein Selbsttmitleid, keine Arroganz.

Wenn ich aber doch so sehr empfänglich bin für Beeinflussung und Ablenkung, wie kann ich mich dann anders abgrenzen als so? Gut, ich lese Bücher über Achtsamkeit, Zen und Buddhismus im Allgemeinen. Sie helfen, auch in verdammt schwierigen Zeiten wie diesen ruhig zu bleiben, die Gefühle zu beobachten, Bedürfnisse und das alles nicht so ernst zu nehmen.

In den zwei Wochen in der Schweiz als Hundesitter meiner Schwester versuche ich, mich selbst zu befriedigen. Warum habe ich keine Lust auf Sex? Jedenfalls, soviel ich merke?…Ein kurzer, durch bewegte Bilder herbeigeführter Orgasmus, das ist alles. Dauert vielleicht vier Sekunden. Eine Welle, die an der Klitoris bleibt und keine Wärmewelle im Körper aussendet, den Hypothalamus nicht zum implodieren bringt.

Meine Güte, ich muss echt mal lernen, mich selbst zu lieben. Wie soll ich von anderen Superorgasmen verlangen, wenn ich das nich selbst kann? Ist das normal?

Kreuzberg November

Kreuzberg November

Bestellung Berlin: Ein bisschen Geld, ein bisschen Liebe

Ein Leben in einem Robben und Wientjes Pritschenwagen,
eins in einem kleinen Geldbeutel, auf 22 Quadratmeter in Kreuzberg.
Ohne Keller, Kinderzimmer und Kreditkarte.
Es ist weder lang noch kurz her, seit alles sicher und nicht hier war.

„Ich will doch nur ein bisschen Liebe und Geld!“, rufe ich der großen Schwester durch das Handy in die Schweiz, rufe ich in diese Stadt.
Zum Kudamm, nach Westend, Charlottenburg, Mitte, Neukölln, Prenzlauer berg, Kreuzberg. Überall dort habe ich gewohnt.

Nach zwei Jahren, zwei Wintern, sieben Ümzügen, acht Jobs, drei gescheiterten Beziehungen, drei Affären, sieben Männern, sechs Frauen, zwei Totalabstürzen, vierzehn Landfluchten, vier abgelehnten Bewerbungen und zwei Studienanläufen, etlichen neuen Bekanntschaften, drei Gerichtsvollzieherterminen, mehreren tausend Euro Telefonkosten, hundert Taxifahrten, drei BVG- Nazi- Kontrolleuren, über zwanzig Magnumflaschen Cremant und unzähligen Absichtserklärungen, jetzt Schluss mit dem lieben Lotterleben zu machen bin ich bereit.

Ich schreibe über mein Leben in Berlin. Der Stadt, von der ich seit dem ersten Besuch mit 14 Jahren wußte, dass ich sie irgendwann erobern wollte und würde. Meine Träume haben sich seitdem verändert, ich will keine Riesenwohnung mehr am Savignyplatz und jeden Tag im Brel essen (-obwohl das sicher besser wäre als der China-Imbiss „Glück“ in meiner Strasse).

Die Absicht der Eroberung des Terrains, der Herzen und der Ressourcen ist geblieben.

Soweit die Aufzählungen. Angefangen hat es auf dem Flughafen Tegel Ende September 2007,  Studium und ein bisschen Geld in der Tasche, das Highschoolsweetheart am Taxistand. Alles sehr vielversprechend…

hinter mir liegt alles vor mir